Dr. Gerhard Gilbert war der erste Arzt in Stiepel

Vor 90 Jahren hielt er Sprechstunden in Gaststätten ab

Wenn sich in diesen Tagen (Dezember 2009) weitere Ärzte in der neuen Bebauung an der Kemnader Straße niederlassen, ist das eine gute Gelegenheit, um über die ärztliche Versorgung zu Beginn des letzten Jahrhunderts nachzudenken und an ein besonderes Jubiläum zu erinnern: Dr. Gilbert war der erste Arzt, der sich in Stiepel niederließ.

Heute zählt Stiepel rund 12.000 Einwohner, mit einer guten Versorgung an Ärzten und Zahnärzten. Bis 1919, Stiepel hatte zu dieser Zeit immerhin schon rund 6.500 Einwohner, gab es nicht einen einzigen Arzt vor Ort. Versorgt wurden die Stiepeler Bürger von Ärzten aus Blankenstein, Weitmar und Wiemelhausen. Für die war es nicht immer leicht, zu ihren Patienten nach Stiepel zu kommen, insbesondere aus Blankenstein. Die Kemnader Brücke wurde erst im Juni 1928 eingeweiht, so dass der Arzt sich mit der Fähre Diergardt über die Ruhr setzen lassen musste, bei Hochwasser musste der Umweg über Welper und die Kosterbrücke genommen werden. Was das für Notfälle bedeutete, kann man sich leicht vorstellen.

Die Sprechstunden wurden in den Räumlichkeiten der Wirtschaft „Frische“ abgehalten, es wurden aber auch weitere Wirtschaften beansprucht. Beispielhaft kann man dies in einer Bekanntmachung aus dem Jahr 1911 sehen, in der die Stiepeler „Eltern, Pflegeeltern und Vormünder“ von der Verwaltung des Amtes Blankenstein in der „Hattinger Zeitung“ (Stiepel gehörte bis 1929 zum Amt Blankenstein, Kreis Hattingen) aufgefordert wurden, mit ihren Kindern zur Impfung in den Wirtschaften Gathmann (Haarstraße) und Wefelscheid (Brockhauser Straße) zu erscheinen, siehe lfd. Nummern 2 und 4 des „Impfplans“:

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Ein Impfplan, wie er am 15. April 1911 in der Hattinger Zeitung abgebildet war.

Nach langjährigen Verhandlungen mit dem Allgemeinen Knappschaftsverein in Bochum wurde dieser Notstand in der ärztlichen Versorgung anerkannt. In der Stiepeler Schulchronik des Jahres 1919 ist zu lesen: „ … Soll aber ein in Stiepel wohnender Arzt existenzfähig sein, so ist es nötig, daß er auch die hier wohnenden Bergleute, deren Zahl sich auf etwa eintausendvierhundert beläuft, zu behandeln hat. Endlich … sollten die Wünsche der Stiepeler Gemeindeeingesessenen in Erfüllung gehen … in dem Herrn Dr. Gilbert, der sich am 1. Dezember 1919 in Stiepel als praktischer Arzt niedergelassen hat, die Verwaltung des hiesigen Knappschaftssprengels übertragen wurde.

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Der Stiepeler Arzt Dr. med. Gerhard Gilbert

Foto: Archiv Wilhelm Dickten 

Dr. med. Gerhard Gilbert, am 21. Januar 1886 bei Kiel geboren und 1913 in Berlin approbiert, hielt seine Sprechstunden anfangs in Gaststätten ab, und zwar wechselweise in „Haus Frische“ und bei „Westermann“. Später praktizierte er im Hause Gräfin-Imma-Straße 12 (heutige Anschrift). An dieser Stelle stand die „Schankwirtschaft zur steilen Höh“. Das ursprüngliche Haus ist im Juni 1912 abgebrannt und wurde während des 1. Weltkriegs in der noch heute bestehenden Form neu errichtet. Die Wirtschaft wurde im Jahre 1919 geschlossen, die Räumlichkeiten dienten Dr. Gilbert dann als erste feste Praxisräume in Stiepel. Heute praktizieren dort eine Kinderärztin und ein Allgemeinmediziner.

 

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Die Schankwirtschaft zur steilen Höh war auch die erste Praxis von Dr. Gilbert

Foto: Archiv Wilhelm Dickten

Ab dem 1. April 1920 stellte ihn die Gemeinde Stiepel auch als Schularzt an, wobei er für jedes untersuchte Kind zwei Mark Honorar bekam.