Stiepel

August Rautenberg (1886 – 1957)

August Rautenberg (*Hörde 28.04.1886, +Stiepel 16.04.1957) wurde in Hörde bei Dortmund geboren und wuchs in Welper auf, wo der Vater als Schmied auf der Henrichshütte arbeitete. Dort erlernte er ebenfalls das Schmiede- und Dreherhandwerk, 1911 trat er der „Freien Gewerkschaft“ bei.

Da er sich nach seiner Ausbildung weiterbildete und politisch aktiv wurde, erreichte er es, dass ihn die Amtsverwaltung Blankenstein im Mai 1920 zum Beigeordneten ernannte. Dadurch wurde er ab 1920 zum Mitglied des Deutschen Gemeindetags und ab 1921 zum Mitglied des Deutschen Landkreistags. Darüber hinaus war er Mitglied des Hauptausschusses und des Präsidiums des Preußischen Landgemeindetags West.

Welche genauen Umstände ihn von Welper nach Stiepel verschlugen, ist nicht bekannt. Zumindest wohnte er nach 1922 in der Straße Am Vormbrock in Haus Nr. 4. Dort sollte er bis zu seinem Tod 1957 wohnen bleiben. Wie an anderer Stelle ausführlicher geschildert, errichtete die Gemeinde Stiepel am Vormbrock in den Jahren 1922 – 1924 eine von insgesamt drei kleinen Siedlungen, um der nach dem 1. Weltkrieg aufkommenden Wohnungsnot zu begegnen. Da mit diesen Maßnahmen der Wohnungsbedarf in Stiepel nicht gedeckt war, wuchs innerhalb der Bevölkerung der Gedanke, eine Baugenossenschaft ins Leben zu rufen. Unter Beteiligung der Gemeinde Stiepel wurde daher am 3. Mai 1925 die Baugenossenschaft „Heimat“ gegründet. Einer der 25 Gründungsmitglieder war August Rautenberg, mittlerweile aktiver Sozialdemokrat und Gewerkschafter. In der Gründungsversammlung wurde ein fünfköpfiger Vorstand gewählt, zu seinem Vorsitzenden wurde August Rautenberg benannt.

In Stiepel war er neben seinem Engagement für die Baugenossenschaft „Heimat“ in den 1920er Jahren als Mitbegründer des Arbeiterwohlfahrt-Ortsverbands bekannt.

August Rautenberg, 1920

August Rautenberg, 1920er Jahre

August Rautenberg (Mitte, ganz links) mit einem Ausflug der Arbeiterwohlfahrt Stiepel, 1920

August Rautenberg (Mitte, ganz links) mit einem Ausflug der Arbeiterwohlfahrt Stiepel , 1920er Jahre

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurde er aus allen Ämtern gedrängt. In der Mitgliederversammlung der Stiepeler Baugenossenschaft vom 24. Juni 1933 traten -bedingt durch den politischen Druck- die bisherigen Vorstandsmitglieder sowie der gesamte Aufsichtsrat zurück, um Neuwahlen durchführen zu können. Neuer Vorsitzender der Baugenossenschaft wurde ein Beamter der Stadt Bochum (Stiepel wurde im Jahr 1929 nach Bochum eingemeindet), der zugleich NSDAP-Mitglied war.

Innerhalb des Amtes Blankenstein musste er seine Ämter ebenfalls aufgeben. Ein Beschluss der Amtsversammlung vom 3. Juli 1934 sorgte sogar dafür, dass er keine Pensionsbezüge erhielt. Für das Familieneinkommen mussten in dieser Zeit seine beiden Kinder sorgen. Es wird überliefert, dass er mehrfach verhaftet, körperlich misshandelt und im Blankensteiner Krankenhaus gesund gepflegt wurde. 1939 konnte er eine Anstellung bei der Berufsgenossenschaft in Bochum finden.

Nach dem Krieg konnte er sofort wieder politisch aktiv werden. Am 2. Mai 1945 wurde er in Blankenstein als Amtsbürgermeister eingesetzt und 1946 zum Amtsdirektor des Amtes Blankenstein berufen. Er bekleidete bis zu seinem Ruhestand 1954 zahlreiche Ämter, u.a. als Vorsitzender des Landgemeinderats Westfalen oder als Mitglied des kommunalpoli­tischen Beirats der SPD. Ab 1946 war er Mitglied des Aufsichtsrats der Vereinigten Elektrizitätswerke Westfalen AG (VEW), auch wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. Zahlreiche kommunale Ehrenämter gesellten sich dazu, zum Beispiel als Vorsitzender des Gemeinde-Unfall-Versicherungs-Verbandes Westfalen.

In Stiepel fand die erste Mitgliederversammlung der Baugenossenschaft „Heimat“ nach dem Krieg am 12. August 1945 statt. Sie wählte einen neuen Aufsichtsrat, dieser wiederum bestellte in seiner Sitzung am 2. September 1945 einen fünfköpfigen Vorstand mit dem erneuten Vorsitzenden August Rautenberg.

Am 16. April 1957 starb August Rautenberg, kurz vor Vollendung seines 71. Lebensjahres, in seiner Wohnung in Stiepel. Trauerfeier und Beisetzung fanden in Welper statt, damalige Zeitungen berichten, dass es die größte Beisetzung der Nachkriegszeit im Hattinger Raum war.

In Würdigung seiner Verdienste für die Bau­genossenschaft „Heimat“ in Stiepel wurde auf deren Antrag im Januar 1959 der obere Abzweig der Flaßkuhlstraße in „Rautenbergstraße“ umbenannt.

Im April 1956 wurde er zum Ehrenbürger der Gemeinde Welper ernannt, dort gibt es ebenfalls eine nach ihm benannte August-Rautenberg-Straße.

(Mit freundlicher Unterstützung des Stadtarchivs Hattingen und der Baugenossenschaft “Heimat” Bochum-Stiepel eG)

Gerhard Gilbert (1886 – 1971) – der erste Arzt in Stiepel

Im November 2012 hat die Bezirksvertretung Süd beschlossen, die neue Erschließungsstraße zwischen Kemnader- und Surkenstraße zur Erinnerung an den ersten niedergelassenen Stiepeler Arzt „Dr.-Gilbert-Weg“ zu nennen, im September 2014 wurde das neue Straßenschild durch den Bezirksbürgermeister offiziell enthüllt.

Dr. Gilbert-Weg

Dr. Gilbert-Weg

Aus heutiger Sicht mag das nicht als etwas Besonderes erscheinen, einen Arzt im Stadtteil zu haben. Stiepel zählt heute rund 12.000 Einwohner, mit einer guten Versorgung an Ärzten und Zahnärzten. Bis zum Beginn des letzten Jahrhunderts sah das allerdings anders aus. Bis 1919, Stiepel hatte zu dieser Zeit immerhin schon rund 6.500 Einwohner, gab es nicht einen einzigen Arzt vor Ort. Versorgt wurden die Stiepeler Bürger von Ärzten aus Blankenstein, Weitmar und Wiemelhausen. Für die war es nicht immer leicht, zu ihren Patienten nach Stiepel zu kommen, insbesondere nicht für den zu jener Zeit aus Blankenstein kommenden, von der Gemeindevertretung gewählten Armenarzt. Die Kemnader Brücke wurde erst im Juni 1928 eingeweiht, so dass der Arzt sich mit der Fähre Diergardt über die Ruhr setzen lassen musste, bei Hochwasser musste der Umweg über Welper und die Kosterbrücke genommen werden. Was das für Notfälle bedeutete, kann man sich leicht vorstellen.

Dr. med. Gerhard Gilbert (1957), Foto: Ingeborg Hofmann-Credner

Dr. med. Gerhard Gilbert (1957), Foto: Ingeborg Hofmann-Credner

Die Sprechstunden durch die angereisten Ärzte wurden überwiegend in den Räumlichkeiten der Wirtschaft „Frische“ abgehalten, es wurden aber auch weitere Wirtschaften beansprucht. Nach langjährigen Verhandlungen mit dem Allgemeinen Knappschaftsverein in Bochum wurde dieser Notstand in der ärztlichen Versorgung anerkannt. In der Stiepeler Schulchronik des Jahres 1919 ist zu lesen: „ … Soll aber ein in Stiepel wohnender Arzt existenzfähig sein, so ist es nötig, daß er auch die hier wohnenden Bergleute, deren Zahl sich auf etwa eintausendvierhundert beläuft, zu behandeln hat. Endlich … sollten die Wünsche der Stiepeler Gemeindeeingesessenen in Erfüllung gehen … in dem Herrn Dr. Gilbert, der sich am 1. Dezember 1919 in Stiepel als praktischer Arzt niedergelassen hat, die Verwaltung des hiesigen Knappschaftssprengels übertragen wurde.“

In der ehemaligen Schankwirtschaft "Zur steilen Höh" befanden sich die ersten festen Praxisräume, Foto: Sammlung Willi Dickten

In der ehemaligen Schankwirtschaft “Zur steilen Höh” befanden sich die ersten festen Praxisräume, Foto: Sammlung Willi Dickten

Hans Frithjof Gerhard Gilbert, am 21. Januar 1886 in Gaarden bei Kiel geboren, studierte ab März 1907 zunächst an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin (heute Humboldt-Universität), später dann an der Kaiser-Wilhelms-Akademie in Berlin, die ihren Schwerpunkt in der militärärztlichen und -chirurgischen Ausbildung hatte und der er bis zum 1. März 1912 angehörte. Im Anschluss daran wurde er zum Unterarzt beim Oldenburgischen Infanterie-Regiment 91 ernannt und zunächst ein Jahr lang an der Berliner Charité eingesetzt. Im August 1913 erhielt er dort seine Approbation und wurde anschließend als Assistenzarzt, später Oberarzt, in sein Regiment berufen. Seine Dienstzeit umfasste auch den 1. Weltkrieg. Wann genau er nach Stiepel kam, ist nicht bekannt. Es ist aber überliefert, dass er aufgrund enger Kontakte innerhalb einer Burschenschaft zu einem Bochumer Arzt, Herrn Dr. Carl Brüggemann, den Weg in unsere Region fand. Im Jahr 1916 hat er sich verlobt mit Cornelia zur Oven Krockhaus. Deren Vater war der Ingenieur Friedrich zur Oven Krockhaus, Eigentümer des Krockhaus-Hofes an der gleichnamigen Straße und in den Jahren 1895 – 1919 Gemeindevorsteher in Stiepel. Gerhard Gilbert und Cornelia zur Oven Krockhaus heirateten am 15. Mai 1918 und wohnten zunächst im (schwieger-) elterlichen Haus, dem immer noch als Krockhaus-Villa bekannten Gebäude. Heute ist dies Krockhausstraße 7, seinerzeit Hertastraße 1.

Seinen Doktortitel hat Gerhard Gilbert von der damaligen Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin im März 1919 verliehen bekommen .

Am 1. Dezember 1919 ließ sich Dr. Gilbert, wie oben bereits aus der Schulchronik zitiert, als praktischer Arzt in Stiepel nieder. Seine Sprechstunden hielt er anfangs in der ehemaligen Schule an der Ecke Kemnader-/Krockhausstraße, aber auch in Gaststätten ab, und zwar wechselweise in „Haus Frische“ und bei „Westermann“. Später praktizierte er im Hause Gräfin-Imma-Straße 12 (heutige Anschrift). An dieser Stelle stand die „Schankwirtschaft zur steilen Höh“. Das ursprüngliche Haus ist im Juni 1912 abgebrannt und wurde während des 1. Weltkriegs in der noch heute bestehenden Form neu errichtet. Die Räumlichkeiten dienten Dr. Gilbert dann als erste feste Praxis­räume in Stiepel.

Im Januar 1920 wurde er durch die Stiepeler Gemeindevertretung in den nach dem 1. Weltkrieg neu gegründeten „Wohlfahrtsausschuß“ gewählt, ab April 1920 stellte ihn die Gemeinde Stiepel auch als Schularzt an, wobei er für jedes untersuchte Kind zwei Mark Honorar bekam. Er war bis 1956 als Knappschaftsarzt im Dienst, danach zog er in sein neben der bisherigen Praxis neu errichtetes Haus (heutige Anschrift: Gräfin-Imma-Straße 10) und praktizierte dort noch einige Jahre weiter. Seine Nachfolge als Knappschaftsarzt trat Dr. med. Hans Rath an.

Überliefert sind die unermüdliche Einsatzbereitschaft und sein humorvolles Wesen, weswegen die Stiepeler „ihren“ Doktor so liebten. Gerhard Gilbert verstarb am 3.3.1971 in Stiepel.

Dr. Gilbert-Weg - Strasseneinweihung

Dr. Gilbert-Weg – Strasseneinweihung

Im Sonderfeld

Eine der wenigen Straßen in Stiepel, die bereits vor Einführung von offiziellen Straßennamen (im Jahr 1909) eine Bezeichnung getragen hat, die sie im Zuge der Eingemeindung nach Bochum (im Jahr 1929) wieder erhalten hat: Im Sonderfeld. Zwischendurch, von 1909 bis 1929, hieß sie Gartenstraße.

Rund um das Stiepeler Dorf gibt es fünf Fluren bzw. Flurbezeichnungen, die auf “-feld” enden, eingezeichnet findet man sie das erste Mal im sog. Urkataster aus dem Jahr 1823. Drei von Ihnen sind bis heute in Straßennamen verewigt: das Galgen-, Unter- und Sonderfeld. Die Lage dieser Fluren war genau dort, wo sich heute die gleichnamigen Straßen befinden. Die übrigen zwei Fluren sind dagegen in Vergessenheit geraten: das Achter- und Osterfeld. Die Flur “Achterfeld” kann man in etwa östlich der heutigen Kemnader Straße an den Hängen in Richtung zur Ruhr lokalisieren, das ausgedehnte “Osterfeld” findet sich ebenfalls östlich der Kemnader Straße rund um die Oveneystraße. Diese wurde übrigens -wegen der Himmelsrichtung- schon lange vor Einführung von Straßennamen entsprechend Osterstraße genannt.

Zur Herkunft der Flurbezeichnung “Sonderfeld” vermutet Robert Jahn in seinem Aufsatz “Die Flurnamen des Amtes Blankenstein” aus dem Jahr 1927, dass es sich um ein aus der allgemeinen Nutzung “ausgesondertes” Stück Land handelt. Seinerzeit war die Parzellierung der landwirtschaftlichen Flächen recht kleinteilig. Einige Parzellen unmittelbar entlang der Straße sind im Urkataster mit der Bezeichnung “Sunderfeldsgarten” eingetragen, der erste im Jahr 1909 vergebene Straßenname “Gartenstraße” dürfte daran angelehnt sein.

Als historisch bedeutendes Gebäude liegt am unteren Ende der Straße das ehemalige Pfarrhaus bzw. Pastorat. Siehe dazu auch der eigene Artikel unter “Bauwerke” auf dieser Seite. Das Gebäude liegt zwar etwas verborgen, ist aber bei einem Spaziergang durch den sog. Pastorssiepen südlich des alten Friedhofs gut zu sehen.

Auf der Gemarkungskarte von 1884 bereits als "Sonderfeldstraße" bezeichnet (blau markiert: das Pastorat)

Auf der Gemarkungskarte von 1884 bereits als “Sonderfeldstraße” bezeichnet (blau markiert: das Pastorat)

Ein seit Jahren eingezäunter Tagesbruch vor der Kulisse des Sonderfelds und Burg Blankenstein

Ein seit Jahren eingezäunter Tagesbruch vor der Kulisse des Sonderfelds und Burg Blankenstein

Von der Bergbauvergangenheit Stiepels zeugt im Sonderfeld der seit gut 10 Jahren eingezäunte Tagesbruch nahe der Kemnader Straße. Dieser rührt von Untertagearbeiten der Kleinzeche St. Barbara, die in den Jahren 1951 – 1965 aktiv war, wie überhaupt ein Großteil der Bergbauaktivitäten in Stiepel mit 58 Betrieben in die Nachkriegszeit fällt. Es ist zu vermuten, dass an dem Tagesbruch niemals etwas saniert werden wird. Für das Grubenfeld Schiffsruder, in dem der Abbaubetrieb lag, wurde seinerzeit ein sog. Bergschädenverzicht vereinbart. Das heißt, der seinerzeitige Eigentümer erhielt unter anderem zur Abgeltung dieses Verzichts einen sog. Förderzins je geförderter Tonne Kohle (Informationen entnommen aus “Bochumer Zechen – Eine Datensammlung 1620 – 1974”). Das ehemalige Verwaltungsgebäude der Kleinzeche dient heute mit der Bezeichnung Barbaraheim dem Sauerländischen Gebirgsverein als Vereinsheim.

Voßkuhlstraße

Die Voßkuhlstraße in früheren Zeiten als „Straße“ zu bezeichnen – das ist hoch gegriffen. Sie war eher ein typischer Stiepeler Feldweg, der im Zuge der Bebauung in den letzten Jahrzehnten erst zur Straße ausgebaut wurde.

Auf der Preußischen Gemeindekarte aus dem Jahr 1824 ist das Gebiet noch komplett bewaldet. Das Stiepeler Urkataster aus demselben Jahr weist einen Bereich, der nahezu identisch ist mit der heutigen Parzellierung und Bebauung, als „Busch“ im Besitz von „v Syberg“ aus. Die Fläche wird mit 32 Morgen 136 Ruten angegeben, was einer Größe von 83.624 m² entspricht. Die Familie von Syberg war von 1647 bis 1847 der adelige Lehnsherr des Hauses Kemnade und hat nach der sogenannten Markenteilung 1786 einen Teil der Stiepeler Mark als Eigentum erhalten.

Schon im Urkataster findet sich als Flurbezeichnung für diesen Teil des Waldes der Begriff „auf der Voßkuhl“, was auch den gesamten Siepen einbezog. Die Bedeutung „Fuchsloch“ scheint naheliegend. Mit dem alten Stiepeler Familiennamen Voßkuhl hat die Bezeichnung aber nichts zu tun, da dieser Name nur mit einem Hof in Stiepel-Dorf in Verbindung gebracht werden kann.

Auf der Stiepeler Flurkarte aus dem Jahr 1878 sind auf dem Gebiet des ehemaligen Syberg’schen Busches 23 Parzellen mit 18 Gebäuden eingezeichnet. Der Weg, der über die quer zur Straße verlaufenden Grundstücke ging, war bis 1928 ein sogenannter Interessentenweg (= Privatweg). Übrigens entsprach der Verlauf der Surkenstraße in diesem Bereich der heutigen Straße „In den Hegen“.

Einem Rechtsstreit aus dem Jahr 1906 ist zu entnehmen, dass die Straßenbezeichnung „Voßkuhle“ schon vor der Einführung der offiziellen Straßennamen im Jahr 1909 gebräuchlich war. Die alte Flurbezeichnung wurde im Volksmund übernommen. Im besagten Rechtsstreit, in dem von der „Straße vom Surkenweg nach der Voßkuhle“ gesprochen wird, streiten sich die Anwohner mit der Gemeinde Stiepel über den Zustand der eher als Feldweg zu beschreibenden Straße und deren Instandsetzung. In einem Zeitungsbericht aus dem „Volksblatt“ vom 10. Januar 1906 ist zu lesen: „Wie schlecht es mit den Wegeverhältnissen hier ist, zeigt folgender Vorfall: Am 5. ds. Mts. versuchte ein Bierfuhrwerk über die Voßkuhle zu fahren. Der Weg war aber infolge des Regens so durchweicht, daß der Wagen tief im Morast stecken blieb, sodaß er ohne fremde Hilfe sich nicht frei machen konnte…“.

Handskizze der Straße aus einem Rechtsstreit 1906: in deutscher Schrift ist „Voßkuhle“ zu lesen.

Handskizze der Straße aus einem Rechtsstreit 1906: in deutscher Schrift ist „Voßkuhle“ zu lesen.

Viele der heute öffentlichen Wohn- und Durchgangsstraßen Stiepels waren lange Zeit Privatwege. Erst am 1. Juni 1928 hat der Wegeausschuss der Gemeinde Stiepel die „… Übernahme von 19 Privatwegen in die Gemeindeunterhaltungspflicht“ beschlossen, darunter auch die Voßkuhlstraße. Nach der Eingemeindung nach Bochum im Jahr 1929 ist dieser Straßenname -als einer der wenigen- bestehen geblieben.

„Restauration zur frischen Quelle“ ca. 1915, heute Voßkuhlstraße Nr. 3, Foto: Archiv W. Dickten

„Restauration zur frischen Quelle“ ca. 1915, heute Voßkuhlstraße Nr. 3, Foto: Archiv W. Dickten

Zwei Gebäude an der Straße sind besonders zu erwähnen: die ehemalige Schule, die im Jahr 1909 errichtet wurde, sowie die Wirtschaft, die schon vor 1890 von Familie Hellmich betrieben wurde, etwa ab 1905 dann von Schreinermeister Freese.

Surkenstraße

Die Surkenstraße ist in ihrer Funktion als Verbindungsweg zur Gemeinde Querenburg schon auf Karten vor 1800 eingezeichnet. Eine Bebauung längs der Straße gab es zu dieser Zeit nicht. Noch auf der Stiepeler Gemeindekarte aus dem Jahr 1879 sind an der Straße lediglich vier Häuser dargestellt.

Von der Kemnader Straße kommend war der Verlauf zwischen der „Talsohle“ und der Einmündung Voßkuhlstraße zunächst ein anderer, und zwar mit einem Knick nach Osten über die heutige Straße „In den Hegen“. Der Ausbau des heutigen Verlaufs in diesem Teilstück erfolgte vermutlich im Jahr 1902.

Schon im Stiepeler Urkataster aus dem Jahr 1823 findet sich die Flurbezeichnung „Im Surken“. Das Wort stammt aus dem Mittelniederdeutschen und bedeutet Sauerampfer. Als „Sauergrasstelle“ beschreibt R. Jahn im Jahr 1926 in seinem Aufsatz „Die Flurnamen des Amtes Blankenstein“ den Bereich und ergänzt: „… beginnt jenseits der Surkenstraße ein Sumpfgebiet: Im Sumpf, Im Surken …“.

Die Surkenstraße auf einer Postkarte aus den 1920er Jahren, Blick nach Süden in Richtung der heutigen Kemnader Straße. Verdeckt durch die vorderen Häuser liegt der im Text beschriebene Steinbruch.

Die Surkenstraße auf einer Postkarte aus den 1920er Jahren, Blick nach Süden in Richtung der heutigen Kemnader Straße. Verdeckt durch die vorderen Häuser liegt der im Text beschriebene Steinbruch.

Bereits vor Einführung der Straßennamen im Jahr 1909 wurde die Straße im Volksmund „Surkenweg“ genannt, von Seiten der Gemeinde auch schon mal „Weg von Rumberg nach Grenze Querenburg“. Mit Rumberg ist dabei die ehemalige Wirtschaft an der Ecke Kemnader-/Surkenstraße gemeint, in der bis vor einigen Jahren eine EDEKA-Filiale untergebracht war und die früher in einem Anbau das Haushaltswarengeschäft Kestermann beherbergte. Nach der Eingemeindung nach Bochum im Jahr 1929 hat die Surkenstraße als eine der wenigen Stiepeler Straßen ihren Namen behalten. Zusätzlich ist die ehemalige Georgstraße, die Stichstraße in der Kurve zum Haarmannsbusch, von der Namensgebung her der Surkenstraße zugeschlagen worden.

Die frühere Georgstraße verlor 1929 den eigenen Namen und wurde in die Surkenstraße integriert.

Die frühere Georgstraße verlor 1929 den eigenen Namen und wurde in die Surkenstraße integriert.

Am Beginn der Surkenstraße: die Wirtschaft von Emil Rumberg, Ende der 1920er Jahre (Restaurant zur Post)

Am Beginn der Surkenstraße: die Wirtschaft von Emil Rumberg, Ende der 1920er Jahre (Restaurant zur Post)

Eines der bekanntesten Häuser an der Straße dürfte das ehemalige Fahrradgeschäft Kosthaus sein. August Heinrich Kosthaus (*1872) hat das Haus im Jahr 1898 erworben und ist sogleich mit dem Handel von Haushaltswaren gestartet. Dessen Sohn Heinrich (*1903) hat das Sortiment um Motorfahrzeuge und Fahrräder erweitert. Das Geschäft existierte bis Anfang der 1990er Jahre. Über dem Haus lag ein Steinbruch, der zum Hof Monstadt (Haarstraße) gehörte und in den 1950er Jahren als Bauland verkauft wurde.

Motorfahrzeuge, Fahrräder und Haushaltswaren bei Kosthaus in den 1940er Jahren

Motorfahrzeuge, Fahrräder und Haushaltswaren bei Kosthaus in den 1940er Jahren

Erwähnt werden sollte auch die Wirtschaft “Im Surken”, vielen noch bekannt als “Haarmann-Höltermann”. Im Einwohnerverzeichnis aus dem Jahr 1891 ist unter der Adresse Haar 1 1/8 “Höltermann Georg Witwe, Händlerin und Wirthin“ verzeichnet, ab 1904 dann „Ludwig Haarmann, Wirt & Bäcker“. Die Wirtschaft wurde bis 1995 betrieben, zuletzt durch die Inhaberin Roßbach, und war Vereinslokal des Knappenvereins “Glück Auf”. Die Bäckerei auf der Rückseite des Hauses war für ihr Schwarzbrot berühmt.

Rautenbergstraße

Nach dem 1. Weltkrieg begann die Gemeinde Stiepel, der aufkommenden Wohnungsnot durch den Bau von Wohnungen auf gemeindeeigenen Grundstücken zu begegnen. In den Jahren 1922 – 1924 entstanden erste Siedlungen an der Finkenstraße (heute Kosterstraße), Vorm Brock (heute Am Vormbrock) und Auf der Egge. Da mit diesen Maßnahmen der Wohnungsbedarf in Stiepel nicht gedeckt war, wuchs innerhalb der Bevölkerung der Gedanke, eine Baugenossenschaft ins Leben zu rufen.

Unter Beteiligung der Gemeinde Stiepel wurde am 3. Mai 1925 die Baugenossenschaft „Heimat“ gegründet. Einer der 25 Gründungsmitglieder war August Rautenberg (*Hörde 28.04.1886, +Stiepel 16.04.1957), ein aktiver Sozialdemokrat und Gewerkschafter. In der Gründungsversammlung wurde ein fünfköpfiger Vorstand gewählt, zu seinem Vorsitzenden wurde August Rautenberg benannt. Die Gemeinde Stiepel brachte anschließend ihre drei zuvor errichteten Siedlungen in die Baugenossenschaft ein.

Im Vordergrund die zuvor gemeindeeigene Siedlung Kosterstraße, im Hintergrund die Häuser an der Rautenbergstraße (Blick um 1930 von der katholischen Kirche / Kloster in Richtung Süden) Foto: Archiv W. Dickten

Im Vordergrund die zuvor gemeindeeigene Siedlung Kosterstraße, im Hintergrund die Häuser an der Rautenbergstraße (Blick um 1930 von der katholischen Kirche / Kloster in Richtung Süden) Foto: Archiv W. Dickten

In der Mitgliederversammlung vom 24. Juni 1933 traten die bisherigen Vorstandsmitglieder sowie der gesamte Aufsichtsrat zurück, um -aufgrund politischen Drucks während des Nationalsozialismus- Neuwahlen durchzuführen. Neuer Vorsitzender der Baugenossenschaft wurde ein Beamter der Stadt Bochum (Stiepel wurde im Jahr 1929 nach Bochum eingemeindet), der zugleich NSDAP-Mitglied war. Nach dem Krieg fand die erste Mitgliederversammlung am 12. August 1945 statt. Sie wählte einen neuen Aufsichtsrat, dieser wiederum bestellte in seiner Sitzung am 2. September 1945 einen fünfköpfigen Vorstand mit dem erneuten Vorsitzenden August Rautenberg.

Die Baugenossenschaft Heimat erwarb im Jahr 1927 von der Gemeinde Stiepel den ehemaligen Haarmann‘schen Kotten an der Hochstraße 20 / 22 (heute Henkenbergstraße), letzter bekannter Besitzer war der Kötter Georg Haarmann. Zu dem Kotten gehörten 10 Morgen Land, also rund 25.000 m². Auf diesem Land wurde durch die Baugenossenschaft im Jahr 1928 eine Siedlung mit zunächst 21 Häusern errichtet. Sie bildete den oberen Teil der Flaßkuhlstraße. Angemerkt sei, dass für damalige Stiepeler Verhältnisse diese Art der Bebauung, nämlich eine so große Siedlung auf bis dahin landwirtschaftlich genutzter Fläche, eine kleine Sensation war. Die zwei Gebäude des Haarmann‘schen Kottens blieben zunächst stehen, sie wurden in den Jahren 1962/64 für die Errichtung der heutigen Häuser Rautenbergstraße 24 und 26 abgerissen.

Der ehemalige Haarmann‘sche Kotten, heute befinden sich dort die Häuser Rautenbergstraße 24 und 26 Foto: Archiv W. Dickten

Der ehemalige Haarmann‘sche Kotten, heute befinden sich dort die Häuser Rautenbergstraße 24 und 26 Foto: Archiv W. Dickten

Am 16. April 1957 starb August Rautenberg. In Würdigung seiner Verdienste für die Baugenossenschaft wurde auf deren Antrag im Januar 1959 der obere Abzweig der Flaßkuhlstraße in „Rautenbergstraße“ umbenannt.

August Rautenberg hat ab Errichtung der (zunächst gemeindeeigenen) Genossenschaftshäuser am Vormbrock im Jahr 1922 bis zu seinem Tod im Jahr 1957 dort in Hausnr. 4 gewohnt. Neben seinem Engagement für die Baugenossenschaft war er in Stiepel in den 1920er Jahren als Mitbegründer des Arbeiterwohlfahrt-Ortsverbands bekannt. Sein eigentliches politisches und berufliches Schaffen fand allerdings außerhalb Stiepels statt. 1956 wurde er zum Ehrenbürger der Gemeinde Welper ernannt, dort gibt es ebenfalls eine nach ihm benannte August-Rautenberg-Straße.

(Mit freundlicher Unterstützung der Baugenossenschaft „Heimat“ Bochum-Stiepel e.G.)

In der Rubrik „Persönlichkeiten“ finden Sie wesentlich mehr Informationen zu August Rautenberg.

Nettelbeckstraße / Am Brunen

Einer der „älteren“ Wege um das eigentliche Dorf Stiepel herum sind die heutigen Straßen Am Brunen und Nettelbeckstraße. Der ursprüngliche Verlauf ging, beginnend am (nicht mehr existierenden) Bauernhof Schulte Hoffstiepel unmittelbar neben der Dorfkirche, über den ersten Teil der heutigen Nettelbeckstraße und dann die Straße Am Brunen hoch.

Der obere Teil der Nettelbeckstraße von diesem Abzweig bis zur Kemnader Straße ist im Jahr 1930 das erste Mal befestigt und kanalisiert worden, vorher war dieser Teil ein reiner Feldweg. Daher ist dieser Straßenabschnitt auf Karten vor 1930 nicht verzeichnet. In den 1950er Jahren, nach Aufgabe einiger landwirtschaftlich genutzter Flächen, ist die Straße verbreitert und weiter ausgebaut worden.

Der obere Teil der heutigen Nettelbeckstraße mit Blick auf den alten "Hof Nettelbeck". Links oben ist das als "Gaststätte Heil" bekannte Haus zu erkennen (vor 1930) Foto: F. Pieper

Der obere Teil der heutigen Nettelbeckstraße mit Blick auf den alten “Hof Nettelbeck”. Links oben ist das als “Gaststätte Heil” bekannte Haus zu erkennen (vor 1930) Foto: F. Pieper

Seit frühester Zeit ist auch die Stichstraße gegenüber dem Haferweg in Richtung „In der Hei“ vorhanden. Hier liegt der Hof einer der ältesten Stiepeler Familien, Wefelscheid mit erster bekannter urkundlicher Nennung des Namens im Jahre 1150 (heute Nettelbeckstraße 52). Heute verbindet diese Stichstraße die Nettelbeckstraße zwar mit der später ausgebauten Straße In der Hei, ist aber teilweise Privatweg und nicht mehr für den Verkehr befahrbar. Sie reichte bis zu dem damaligen Haus Gustavstraße 22 (seinerzeitiger Anwohner Gustav Kogelheide), das heute zur Straße In der Hei gehört. Außerdem ist vielen älteren Stiepelern das an diesem Weg stehende und unter Denkmalschutz gestellte Fachwerkhaus (heute Nettelbeckstraße 54a) noch unter dem Namen der seinerzeitigen Besitzer, Familie Freese, bekannt. Auch der Bauernhof Haarmann In der Hei war über diesen Weg an das Dorf Stiepel angebunden.

Die Gustavstraße galt, neben der eigentlichen „Kirchstraße“ (heutige Gräfin-Imma-Straße), in Verlängerung der Galgenfeldstraße als Kirchweg für den Ortsteil Schrick. War die „Kirchstraße“ im Winter zum Beispiel für Trauerzüge nicht zu begehen, wurde auch von den übrigen Ortsteilen aus der Umweg über diesen Kirchweg genommen. Durch die Gemeinde Stiepel wurde der Weg im Jahr 1913 als „öffentlicher Kommunalweg“ eingestuft.

Die erste Bezeichnung „Gustavstraße“, die im Jahr 1909 vergeben wurde, lässt sich schlicht und ergreifend über den hohen Anteil des Vornamens Gustav unter den Bewohnern der Straße erklären. Anfang des letzten Jahrhunderts gab es genau 16 Häuser an der Straße. In sechs davon hieß das Familienoberhaupt Gustav, und zwar aus den Familien Hoose, Kost, Stoffer, Kogelheide, Wegmann und Murmann.

Nettelbeckstraße

Nettelbeckstraße

Am Brunden

Am Brunden

Bei der Umbenennung im Jahr 1929 im Zusammenhang mit der Eingemeindung nach Bochum wurde die Gustavstraße vom Namen her zweigeteilt in die Nettelbeckstraße und Am Brunen. Der Name Nettelbeck erinnert an die ehemaligen Eigentümer des Hofes (heute Nettelbeckstraße 14), die urkundlich das erste Mal im Jahre 1556 erwähnt werden. Dieser Hof- und Familienname lässt sich wiederum zurückführen auf die Nettelbecke, ein nicht mehr vorhandener Bach, der unmittelbar neben dem Hof seine Quelle hatte. Die Nettelbecke floss von dort westlich der Düsterstraße durch die Geländesenke an der Straße Vorm Felde und weiter in das Tal unterhalb des evangelischen Friedhofs. Die eingangs erwähnte Kanalisierung im oberen Teil der Nettelbeckstraße im Jahre 1930 erfolgte insbesondere, um die Nettelbecke unter der Straße abzuleiten, da diese wie ein Damm wirkte.

Die Herkunft des Namens Am Brunen ist nicht sicher geklärt. Die Stadt Bochum gibt in ihrer Dokumentation „Bochumer Straßennamen – Herkunft und Deutung“ Folgendes an: „Nach dem alten Hof Brune, der bis Anfang des 20. Jahrhunderts bewirtschaftet wurde. Er lag südlich des katholischen Kindergartens an der Straße Am Brunen“. Hört sich gut an, aber: Es gab in Stiepel zu der Zeit zwar den Familiennamen Brune, er ist aber nicht als Hofname bekannt, insbesondere nicht an dieser Stelle. Die Deutung, dass der Name auf die zwischen Hof Nettelbeck und der Straße gelegenen Quelle der Nettelbecke zurückzuführen ist, lässt sich ebenfalls nicht belegen.

Im Zusammenhang mit der Straße Am Brunen muss auch der Jüdische Begräbnisplatz erwähnt werden, der gegenüber dem katholischen Kindergarten lag (Text ist der Schrift „Jüdische Friedhöfe im heutigen Bochumer Stadtgebiet“ entnommen): „Insgesamt gab es in Bochum vier jüdische Friedhöfe und einen in Wattenscheid, von denen nur der Wattenscheider Friedhof und der jüdische Friedhof an der Wasserstraße heute noch existieren. Nach mündlicher Überlieferung sollen die letzten Bestattungen auf dem Stiepeler Begräbnisplatz um 1880 herum erfolgt sein.“

Ministerstraße

Eine der wenigen Straßen, die bereits vor Einführung der offiziellen Straßennamen im Jahr 1909 so hieß und diesen Namen auch über die Eingemeindung von Stiepel nach Bochum im Jahr 1929 hinaus behalten hat, ist die „Ministerstraße“. Zurückzuführen ist der Name auf Friedrich Wilhelm Finke (1867 – 1938), der „Minister“ genannt wurde.

Das ihm gehörende Grundstück war ursprünglich Teil des sogenannten Pastorats­busches, den das evangelische Pastorat im Rahmen der Markenteilung im Jahr 1786 erhielt. Zunächst verpachtet, später dann verkauft, wurde dieser Teil des Kirchenwaldes am 1. August 1827 in einer Größe von „drey Morgen 84 Ruthen“ (= 8.850 m²) an Wilhelm Finke und seine Ehefrau Maria Catharina Leese. In der Urkunde wird das Grundstück beschrieben als „… einen dem hiesigen Pastorath zugehörigen Buschdistrict in Mittelstiepel“. Es war „zu einer Kötterey urbar zu machen“. Ein Enkel des genannten Ehepaares war besagter Friedrich Wilhelm Finke. Der Bezeichnung „Minister“ war die kürzere Version des eigentlichen Spitznamens „Hühnerminister“. Diesen erhielt er, da er bekannt war für die Zucht von Minorka-Hühnern.

Das erste und lange Zeit einzige Haus an der Straße (erbaut 1827) ist 1943 zerstört worden

Das erste und lange Zeit einzige Haus an der Straße (erbaut 1827) ist 1943 zerstört worden

Das Haus von „Minister Finke“ war somit das erste und für lange Zeit einzige Haus an der Straße. Daher ist die Straße im Volksmund bereits vor Einführung der offiziellen Straßennamen im Jahr 1909 entsprechend „Ministerstraße“ genannt worden. Das Haus ist im 2. Weltkrieg zerstört und danach wieder aufgebaut worden (heute Ministerstraße 5).

Durch seine politischen Aktivitäten brachte er es in den Jahren 1919 – 1924 zum Stiepeler Gemeindevorsteher. Unter „Persönlichkeiten“ finden Sie weitere Details zu Friedrich Wilhelm Finke.

Krockhausstraße

Die Krockhausstraße, eine Straße mit fast vergessener historischer Bedeutung: Sie ist eng mit dem Bergbau verbunden und war der Beginn des „Gahlen’schen Kohlenwegs“, der von der Ruhr bei Stiepel über Weitmar, Hamme, Eickel, Dorsten bis nach Gahlen an der Lippe führte (www.gahlenscher-kohlenweg.de). An der Straße, die von der Fähre und Kohlenniederlage An der Kost über den Rauterdeller Siepen hoch bis zur heutigen Kemnader Straße verlief, lagen unter anderem die Zechen und Schächte Preußischer Zepter, Brockhauser Tiefbau, Ignatius, Krockhausbank und Haarmannsbank.

Ab 1766 wurde die Straße als befestigter Fuhrweg für Kohlentransporte ausgebaut. Sie war die einzige Verbindung aus dem Gemeindeteil Haar in Richtung Welper/ Hattingen, die heutigen Verbindungswege Hülsbergstraße, Am Varenholt und Kosterstraße gab es noch lange nicht.

Auf der Preußischen Gemeindekarte von 1824 wird die Straße als „Weg von Blankenstein“ bezeichnet. Herausgeber: Stadt Bochum

Auf der Preußischen Gemeindekarte von 1824 wird die Straße als „Weg von Blankenstein“ bezeichnet. Herausgeber: Stadt Bochum

Erst später hat ihr die Brückstraße (heute Am Varenholt, Benennung in 1909 vermutlich wegen deren Funktion als Weg zur Kosterbrücke) im Zuge der weiteren Besiedlung diese Bedeutung abgenommen. Die heutige Kosterstraße (Benennung in 1909 als Finkenstraße wegen des Verlaufs durch den Finkensiepen) wurde erst 1922 fertig gestellt. Bei den ersten Überlegungen im August 1912 zum Bau einer Straßenbahn­linie war die Stiepeler Gemeindevertretung noch der Überzeugung, dass die Brückstraße „… für den allgemeinen Verkehr allen Anforderungen genügt.“ Im September 1913 entschloss sich die Gemeindevertretung dann aber „… einstimmig für einen Ausbau der Finkenstraße. … Von der Führung … über die Brückstraße wird … Abstand genommen, weil die Finkenstraße wesentlich günstigere Steigungsverhältnisse aufweist.“ Der Bau dieser neuen Straße wurde 1915 kriegsbedingt unterbrochen, nach Fertigstellung der heutigen Kosterstraße ging die Bedeutung der Krockhausstraße noch weiter zurück.

Die Benennung der Straße auf „Krockhausstraße“ im Jahr 1929 (mit der Eingemeindung Stiepels nach Bochum) erinnert an den erstmals 1335 urkundlich erwähnten Hof- und Familiennamen Krockhaus. Andere Quellen aus der Stiepeler Geschichtsforschung gehen bisher vom Jahr 1601 aus. Der Hof, der am Beginn der Straße lag, ist im Jahr 1943 ausgebrannt und nicht wieder aufgebaut worden. Das heute noch als „Krockhaus-Villa“ bezeichnete Haus, das um 1900 errichtet wurde, steht ein Stück neben dem ursprünglichen Hof. Gleichzeitig erinnert der Name auch an die zwei Stiepeler Gemeindevorsteher aus dieser Familie: die Brüder Heinrich Georg zur Oven-Krockhaus (geboren 1852, Amtszeit 1886-1888) und Friedrich Heinrich zur Oven-Krockhaus (geboren 1857, Amtszeit 1895-1919). Der Familienname hatte sich im Jahr 1794 durch eine Heirat geändert auf „zur Oven genannt Krockhaus“. Als wichtige Einnahmequelle wurden neben dem landwirtschaftlichen Betrieb eine Ziegelei und ein Steinbruch betrieben.

„Krockhaus-Villa“, Foto: H.-D. Eickelbeck

„Krockhaus-Villa“, Foto: H.-D. Eickelbeck

Die nicht mehr bestehende Wirtschaft Wengeler, die Gründungslokal der Kompanie Brockhausen (Schützenverein) war. Foto: W. Dickten

Die nicht mehr bestehende Wirtschaft Wengeler, die Gründungslokal der Kompanie Brockhausen (Schützenverein) war. Foto: W. Dickten

Der zuerst mit Einführung der Straßennamen in Stiepel im Jahr 1909 vergebene Name war „Hertastraße“. Die Entstehung dieser Bezeichnung lässt sich nicht mit Sicherheit nachvollziehen. Tatsache ist aber, dass die 1897 geborene jüngste Tochter des 1909 im Amt befindlichen Gemeindevorstehers zur Oven-Krockhaus den Vornamen Herta hatte. Da wäre es schon ein großer Zufall, wenn dies die Namensfindung nicht beeinflusst hätte.

Kemnader Straße – Von den Anfängen der Chaussee bis zur heutigen Hauptstraße

Schon beim Lesen der Überschrift werden viele ältere Stiepeler an die überlieferten Geschichten um den ehemaligen Stiepeler Gemeindevorsteher Sondermann denken, dem wir es zu verdanken haben sollen, dass die Stiepeler Hauptstraße so einen krummen Verlauf hat. Sondermann, der von 1876 bis 1881 und erneut von 1888 bis 1894 Gemeindevorsteher war, hatte eine Brennerei und belieferte fast sämtliche Wirte in Stiepel mit Spirituosen. Daher war klar, dass die auszubauende Stiepeler Hauptverbindungsstraße an möglichst vielen Wirtschaften vorbeiführen musste!

Denn das war gut für’s Geschäft … (in Anlehnung an „Aus der Stiepeler Ortsmappe, Geschichten aus dem Königreich“ von Wilhelm Dickten). Auf diese Überlieferung gehen wir noch näher ein, doch zunächst ein Blick in die Anfänge der Planung und des Ausbaus. Soviel sei schon verraten: diese Phase hat rund 20 Jahre gedauert.

Blick von Haus Frische in Richtung Süden auf die heutige Kemnader Straße, in der Bildmitte die alte Genossenschaft, Foto ca. nach 1910

Blick von Haus Frische in Richtung Süden auf die heutige Kemnader Straße, in der Bildmitte die alte Genossenschaft, Foto ca. nach 1910

Planung und Bau der „Chaussee von Zeche Carl Friedrich bis Steinenhaus“

Die Funktion als Verbindungsstraße von Haus Kemnade über Stiepel Dorf und Haar nach Weitmar war bei der heutigen Kemnader Straße schon vor dem 19. Jahrhundert gegeben. Die erste Karte, auf der in etwa der Verlauf der heutigen Kemnader Straße durchgehend von der Ruhr über Stiepel Dorf bis nach Weitmar eingezeichnet ist, ist die sog. Preußische Gemeindekarte von 1824. Wenn man hier von „Straße“ spricht, ruft das vielleicht die falschen Vorstellungen hervor. Es war eher ein Feldweg, eine naturbelassene, unbefestigte Straße, die eine gewisse Übereinstimmung mit dem Verlauf der heutigen Kemnader Straße aufweist. Doch genau darum geht es in diesem Beitrag: wie und wann ist die Kemnader Straße in ihrer heutigen Form erstellt worden und welche historisch interessanten Aspekte gibt es über ihren Ausbau?

Die erste Erwähnung von Planungen findet sich in einem Schreiben des Landratamtes vom 2. Oktober 1872 an den „Herrn Sondermann und Genossen in Stiepel“. Dort heißt es u.a.: “ … einer die Gemeinde Stiepel durchschneidenden Chaussee … . Ueber die derselben zu gebende Richtung ergeben sich weitere Verhandlungen als nothwendig, welche bisher nicht stattgefunden haben, nunmehr aber aufge­nommen worden sind …“

Ein entscheidender Termin zur „Besprechung des Projects eines Chausseebaus von Steinenhaus über Stiepel und Wiemelhausen nach Bochum mit einer Abzweigung über Weitmar, Eppendorf und Höntrop“ fand Ende September 1873 statt, vorher mussten die beteiligten Gemeinden noch „Deputierte“ wählen und entsenden. Für Stiepel wird in der Gemeindeversammlung vom 22. September 1873 zum einzigen Tagesordnungspunkt „Wahl der Deputierten zur Besprechung eines Projektes des Chausseebaus“ protokolliert: „… nach vorgängiger Berathung, wurden als Deputierter 1. der Ortsvorsteher Hautkapp und 2. der Gemeindeverordnete Heinrich Sondermann mit Majorität gewählt.“

In dem oben genannten Termin Ende September 1873 wurde der Beschluss gefasst, die Vorarbeiten für den Ausbau der Chaussee zu beauftragen. Daraufhin wurde für den 9. Oktober 1873 durch „Kreisbauinspector Haarmann“ eine Bereisung der geplanten Strecke organisiert und protokolliert. Insgesamt 18 Personen, darunter insbesondere die beteiligten Gemeinde- und Amtsvorsteher, prüften schließlich mögliche Streckenführungen vor Ort. Im Protokoll heißt es: „In Ausführung eines […] in Bochum seitens verschiedener Gemeinde-Vertretungen und Interessenten gefaßten Beschlusses die Vorarbeiten für eine Chaussee von Bochum über Stiepel nach Steinenhaus mit Abzweigung nach Bahnhof Weitmar, Eppendorf und Höntrop anfertigen zu lassen, hatte Unterzeichneter zur Bereisung der Strecke von Bochum nach Stiepel resp. Steinenhaus auf heute Termin angesetzt, zu welchem die nachstehend Bezeichneten eingeladen und erschienen waren. Die Bereisung nahm ihren Anfang in Bochum, und fand sich innerhalb des Stadtbezirks Nichts Erhebliches über die Trassierung zu bemerken. Es wurde nur festgesetzt, daß die Straße am Eisenbahn-Uebergang der Wiemelhauser Straße beginnen soll und die vorhandenen Krümmungen der alten Straße in der Hauptsache abgeschnitten werden sollen. Letzteres wurde auch für die Fortsetzung bis Dorf Wiemelhausen angemessen erachtet. […] Von Zeche Carl Friedrich wurde die Straße in Gemeinschaft der Vertretung von Stiepel so wie verschiedener Interessenten in der Richtung auf Steinenhaus weiter begangen und allseitig die Beibehaltung des alten Weges, unter Abschneidung einiger Krümmungen […] zweckmäßig befunden.“

Am 12. April 1875 wird es dann konkret. Der Amtmann des Amtes Blankenstein lädt zu einer wichtigen Sitzung: „Zur Beschlußnahme über den chausseemäßigen Ausbau einer Straße von Steinenhaus über Stiepel, Wiemelhausen nach Bochum mit einer Abzweigung über Weitmar nach Eppendorf und Höntrop ist Termin auf Montag den 26. April
Nachmittags 3 Uhr in dem Velten’schen Gasthofe zu Bochum anberaumt, wozu ich die Gemeindevertretungen im Auftrage des Herrn Landraths hierdurch einlade.“

Einladung „Zur Beschlußnahme über den chausseemäßigen Ausbau…“, April 1875

Einladung „Zur Beschlußnahme über den chausseemäßigen Ausbau…“, April 1875

Bei diesem Treffen waren 45 Personen anwesend. Neben den Vertretern der beteiligten Ämter und Gemeinden waren dies die Direktoren der in den Gemeinden liegenden Zechen, der „Rittergutsbes. v. Berswordt Wallrabe zu Haus Weitmar“ sowie der „Gutspächter Rhode für das Rittergut Haus Kemnade“. Das Protokoll fasste das wesentliche Resultat zusammen: „Sämtliche Gemeinde-Vertretungen mit Ausnahme derjenigen von Buchholz u. Höntrop […] beschließen einstimmig, die Kosten des Chausseebaus nach dem vorliegenden Kosten-Anschlage aufzubringen und den Bau gemeindeweise auszuführen. […] Wegen der künftigen chausseemäßigen Unterhaltung beschließen die betheiligten Gemeinde-Vertretungen sich unter Abfassung von Statuten zu einem gemeinschaftlichen Verbunde zu vereinigen. […] Die erschienenen Vertreter der interessierten Zechen stellten mit Ausnahme des Vertreters der Zeche Carl Friedrich die Entrichtung außerordentlicher Leistungen in Aussicht“. In der folgenden Zeit wurde offensichtlich die Detailplanung angepasst, sodass sich bis zum Jahr 1877 eine projektierte Gesamtlänge der Strecke von 13.807 m ergab. Die kalkulierten Kosten lagen bei 225.000 Mark, was 75.000 Talern entsprach. Die einzelnen Gemeinden sollten jeweils den Anteil für die in ihrem Gemeindegebiet liegende Strecke tragen. Am 29. Januar 1877 wurde die Aufteilung unter den vier beteiligten Gemeinden und der Stadt Bochum festgelegt. Eppendorf und Höntrop hatten sich zwischenzeitlich wahrscheinlich aus Kostengründen aus dem Projekt zurückgezogen

Mit Bezug auf die eingangs erwähnten Geschichten rund um den Gemeindevorsteher Sondermann können wir bereits an dieser Stelle eine erste Erkenntnis ziehen: der Ausbau der Chaussee von Steinenhaus nach Weitmar war keine reine Stiepeler „Erfindung“, er wurde Landkreis-übergreifend als Ausbau einer Nord-Süd-Verbindung angeordnet. Die übrigen beteiligten Gemeinden wurden bereits im vorigen Abschnitt genannt, jedoch war mit einer Länge von rund 6,0 km der Stiepeler Anteil der weitaus größte an der gesamten ursprünglich geplanten Strecke von 13,8 km.

Im Mai 1875 sind die Planungen soweit gediehen, dass für die Ausführung der Vorarbeiten erste Abschlagszahlungen anstehen, und zwar für den „Geometer Weißenfels“ und den „Königl. Bauinspector Haarmann“ jeweils 1.500 Mark. Zu dieser Summe haben die Gemeinden entsprechend des „… am 26. September 1873 gefassten Beschluß nach Maßgabe der Länge der Chaussee innerhalb eines jeden Gemeindebezirks beizutragen.“

Die ursprüngliche Planung war jedoch der Gemeinde Stiepel technisch zu aufwendig und viel zu teuer, schlicht ausgedrückt: eine Nummer zu groß. Beanstandet wurde insbesondere der geplante Ausbau vom Steinenhaus bis Stiepel Dorf. Dabei liest sich die ursprüngliche Planung recht wohlwollend: „Die projektierte Straße bezweckt zunächst die bisher vom Verkehr fast ganz abge­schlossene Gemeinde Stiepel demselben zu erschließen. sodann aber verbindet sie voraus­sichtlich die bereits fertig ausgebauten Wegstrecke von Zeche Carl Friedrich durch Weitmar nach Bochum … mit der Straßenkreuzung Steinenhaus, von wo … nach Elberfeld als auch nach Witten, Blankenstein und Hattingen Chausseen führen, sodaß der projektierte Wegebau auch für den durchgehenden Verkehr von der größten Wichtigkeit ist. Der in 1 ½ Kilometer Entfernung vom Dorfe Stiepel belegene Bahnhof Blankenstein, welcher bisher von Stiepel mangels jeder Verbindung überhaupt nicht erreicht werden konnte, wird durch diesen Wegebau mit Stiepel in direkte Verbindung gebracht. … Die Straße beginnt am Straßenkreuzungspunkt Steinenhaus, führt über Bahnhof Blanken­stein bis an die Ruhr, welche mittels einer Schiffbrücke von 100 Meter Länge überschritten werden soll, von der an dem Gehöft des Hasenkamps vorbei und erreicht mit wenigen Biegungen die Hochebene, auf welcher das Dorf Stiepel liegt. Von hier geht die Straße unter Benutzung des vorhandenen öffentlichen Weges über den Bergrücken der Haar, bei der Schule daselbst vorbei nach Zeche Carl Friedrich, wo sie in den vorhandenen Communalweg nach Weitmar und Bochum einmündet“

Genau diese Planung brachte das gesamte Chaussee-Projekt im Jahr 1878 zunächst für knapp zehn Jahre zum Erliegen. Die genannte Brücke sollte mehr ein teures, großes und technisch aufwendiges Damm-Bauwerk werden, mit viel zu kleinen Durchlässen für die Schifffahrt. Nicht bedacht wurde auch, dass die adeligen Herren des Hauses Kemnade ein Fährrecht für sich reklamierten, was den Bau einer Brücke über Jahrhunderte verhinderte. Um diesen Aspekt kurz zu erläutern: Die erste Kemnader Brücke wurde im Jahr 1928 fertiggestellt, nachdem die Stadt Bochum im Jahr 1921 das Haus Kemnade erworben und sich die Frage des Fährrechts damit erledigt hatte. Die Straße endete bis 1928 unmittelbar an der Ruhr. Die Fortsetzung der Fahrt war nur mit einer Fähre möglich. Wahrscheinlich bis zum Jahr 1909 gab es dort außerdem eine Furt, die bei niedrigem Wasserstand von Fuhrwerken genutzt werden konnte.

Weil der Ausbau der Chaussee von übergeordnetem Interesse war, ordnete der Landrat im Oktober 1878 in einem Schreiben an den Amtmann von Blankenstein an: „ … sind die Verhandlungen wegen ordnungsmäßigen Ausbaues des Communalweges von Stiepel nach Bochum … wieder aufzunehmen … falls die Gemeinde­vertretung sich auf jetzt noch weigerlich verhält den Ausbau des erwähnten Communalweges vorzunehmen, derselbe im Zwangsverfahren zur Ausführung gebracht werden wird.“

Es dauerte bis zum Jahr 1887, eine überarbeitete Planung zu erstellen. Diese konzentrierte sich jetzt auf die Strecke von der Ortsgrenze Weitmar bis Stiepel Dorf, die Fortführung von Stiepel Dorf bis Steinenhaus wurde -verglichen mit der vorherigen Planung- nur mit dem Notwendigsten berück­sichtigt. Mit Datum 16. Mai 1887 wird ein neuer „Kostenanschlag zur Erstellung einer Straße von Zeche Carl Friedrich durch das Dorf Stiepel nach dem Steinenhaus auf einer Länge von 6113,0 m Länge“ durch den Geometer Weißenfels vorgelegt. Diese Ausbauplanung wird zur Ausführung gebracht. Zum Verlauf der Straße heißt es in den Planungsunterlagen u.a.: „Die Richtung der neuen Straße ist so gewählt, daß die alten Wege möglichst beibehalten wurden, der voraussichtliche Grunderwerb beläufe sich, trotzdem im Nachstehenden einzeln nachgewiesenen opulenteren Ausstattung der Straße bezüglich der Breite der Banquets und Gräben sowie der Anlage der Böschungen auf noch nicht 300 Ar …“.

Am 9. Juli 1888 erfolgt durch den Amtmann des Amtes Blankenstein die folgende öffentliche Bekanntmachung: „Der Ausbau des Weges von Zeche Carl Friedrich durch das Dorf Stiepel über die Ruhr nach Steinenhaus bei Bahnhof Blankenstein ist nunmehr endgültig beschlossen worden und sollen die Arbeiten schleunigst in Angriff genommen werden. Zur Verhandlung über die Abtretung des zu dem Wege erforderlichen Grund und Bodens ist Termin auf Freitag, den 13. de. Mts., Nachmittags 21/2 Uhr, im Lokale des Wirths Wefelscheid zu Stiepel anberaumt, zu welchem Sie hierdurch ergebenst eingeladen werden.“

Einladung „… zur Verhandlung über die Abtretung des … Grund und Bodens“, Juli 1888

Einladung „… zur Verhandlung über die Abtretung des … Grund und Bodens“, Juli 1888

Die Gemeinde Stiepel musste zur Ausführung der Arbeiten rund 30.000 m² Grund und Boden erwerben. Zum einen war die Erstellung komplett neuer Teilstrecken notwendig, zum anderen wurde der vorhandene und zum Großteil genutzte „Communalweg“ verbreitert. Als neu erstellte Wegstrecke können insbesondere drei Teilstücke genannt werden:

- Erstens von der heutigen Kreuzung mit der Brockhauser Straße bis zur Kreuzung mit der Galgenfeldstraße / Am Brunen. Vorher stellte die heutige Düsterstraße die Verbindung in Richtung Norden dar. Für dieses Teilstück haben die Besitzer … entsprechende Flächen abgegeben. Mit dem Neubau wurde die Straße begradigt und auf einen Damm gelegt.

- Zweitens kam als vielleicht markantestes neues Teilstück die langgezogene Kurve bei Haus Frische hinzu. So unglaublich es klingt, man kann z.B. auf der Preußischen Gemeindekarte aus dem Jahr 1824 gut erkennen, dass vorher die heutige Steilstraße die Verlängerung der Wege aus Stiepel Dorf in Richtung Norden darstellte. Durch die Kurve wurde die erhebliche Steigung dieser Strecke herausgenommen.

- Drittens hatte die Straße im Bereich ab der heutigen Surkenstraße und Ministerstraße einen anderen, „geraderen“ Verlauf quer durch dasjenige Gelände zwischen Surken- und Kemnader Straße, das jetzt erschlossen werden soll. Mit dem Ausbau der Chaussee wurde der Straßen­verlauf rechtwinklig gestaltet mit der 90°-Kurve an der heutigen Ministerstraße.

Darüber hinaus wurden Bereiche auf einen Damm bzw. in Einschnitte gelegt. Im bereits genannten „Kostenanschlag“
aus dem Jahr 1887 heißt es dazu: „Der höchste Auftrag erreicht die Höhe von 4,5 m, der tiefste Einschnitt eine Tiefe
von 3,6m.“

„Schreiers Damm“ am oberen Bildrand zwischen Kloster und dem heutigen Haus Spitz, benannt nach dem seinerzeitigen Wirt Gustav Schreier, auf einer Postkarte, Foto: Archiv W. Dickten

„Schreiers Damm“ am oberen Bildrand zwischen Kloster und dem heutigen Haus Spitz, benannt nach dem seinerzeitigen Wirt Gustav Schreier, auf einer Postkarte, Foto: Archiv W. Dickten

Weiterhin wurde zur Verbreiterung des vorhandenen Weges eine ebenfalls beachtliche Fläche benötigt. Um nochmal den Bezug auf die eingangs erwähnten Geschichten rund um den Gemeinde­vorsteher Sondermann herzustellen: wir können eine zweite Erkenntnis aus den Erläuterungen ziehen: der Verlauf der durch die Gemeinde führenden Hauptstraße wurde nicht grundlegend verändert, ganz im Gegenteil: soweit möglich, wurde der vorhandene Weg genutzt. Der Straßen­verlauf wurde demnach nicht nach den Wirtschaften ausgerichtet. Der Gemeindevorsteher Sondermann war zwar aktiv (als „Deputierter“ für das „Projekt des Chausseebaus“) an den Planungen beteiligt, den Verlauf der Straße konnte er aber nicht grundlegend beeinflussen.

Fertiggestellt wurde die neue Straße im Jahre 1893. Sie endete aber bis 1928 unmittelbar an der Ruhr. Mit dem Bau der Kemnader Brücke wurde die bis dahin kurvenreiche Straßenführung auf den letzten Metern zur Ruhr verändert.

Zwei nennenswerte Veränderungen gab es noch in den 1950er / 1960er Jahren. Durch den anwachsenden Verkehr war eine enge Straßenführung zunehmend gefährlicher, so dass der Verlauf an zwei Stellen begradigt wurde. Leider mussten mehrere Fachwerkhäuser einer besseren Straßenführung weichen. Zunächst wurde ein Haus in etwa gegenüber der Einmündung Steilstraße abgerissen, viel schwerwiegender war aber die Begradigung in Stiepel Dorf an der Kreuzung mit Brockhauser und Oveneystraße. In einem Zeitungsbericht aus dem Jahr 1961 heißt es: „Hier wird Stiepel vom Verkehr gefährlich geplagt, denn die Kreuzung ist nicht nur eng, sondern zu allem noch hin- und hergewunden. Ein Wunder fast, daß es hier nicht täglich Unfälle gibt …“. Es müssen mehrere Häuser weichen, der ursprüngliche Dorfcharakter wird verändert.

Zur Verbreiterung der Kemnader Straße in den 1950er Jahren abgerissen: Fachwerkhaus in der Kurve an der Steilstraße Foto: Archiv W. Dickten

Zur Verbreiterung der Kemnader Straße in den 1950er Jahren abgerissen: Fachwerkhaus in der Kurve an der Steilstraße Foto: Archiv W. Dickten

Die Kreuzung in Stiepel Dorf Im Jahr 1956: Die historische Ortsmitte ist noch eng und gefährlich, unter anderem das linke Fachwerkhaus wurde abgerissen. Foto: Stadt Bochum, Presse- und Informationsamt

Die Kreuzung in Stiepel Dorf Im Jahr 1956: Die historische Ortsmitte ist noch eng und gefährlich, unter anderem das linke Fachwerkhaus wurde abgerissen. Foto: Stadt Bochum, Presse- und Informationsamt

Chausseegelderhebungsstellen

Im Jahr 1894 wurde auch in Stiepel etwas eingeführt, was zu jener Zeit durchaus üblich war: das Chausseegeld. Die Benutzung der heutigen Kemnader Straße wurde für den Waren- und Personenverkehr kostenpflichtig. Genau das, was heutzutage als Maut viel diskutiert wird, wurde durch Beschluss der Gemeindevertretung öffentlich ausgeschrieben. Die Ausschreibung wurde alle zwei bis drei Jahre wiederholt, die letzte bekannte Verpachtung erfolgte im März 1902. Es wurden zwei „Chausseegelderhebungsstellen“ (so die offizielle Bezeich­nung) in zwei Wirtschaften, jeweils an beiden Enden der Straße, eingerichtet. An der Ortsgrenze nach Weitmar war dies die Wirtschaft von August Hellmich an der Ecke Krockhausstraße, unter dem späteren Wirt Wilhelm Haarmann war die Wirtschaft auch bekannt als „Schüttelrutsche“. Das Gebäude existiert nicht mehr, heute steht dort das Haus Kemnader Straße 42. In Stiepel-Dorf fungierte die Wirtschaft von Heinrich Haarmann-Thiemann als Chausseegelderhebungsstelle. Das mittlerweile abgerissene Fachwerkhaus an der Ecke Brockhauser Straße, unmittelbar an der heutigen Bushaltestelle „Stiepel Dorf“ war das Haus Kemnader Straße 472.

Bekanntmachung vom 18. Februar 1902: „Die Chausseegeld-Erhebung … soll … öffentlich verpachtet werden.“

Bekanntmachung vom 18. Februar 1902: „Die Chausseegeld-Erhebung … soll … öffentlich verpachtet werden.“

Die wesentlichen Passagen der zwei Verträge lauteten:

  • „Die Gemeinde Stiepel verpachtet dem Wirth August Hellmich die ihr zustehende Berechtigung zur Erhebung des Chausseegeldes auf der von Zeche Carl Friedrich nach Dorf Stiepel führenden Communal-Chaussee auf die Dauer von 1 Jahr, beginnend mit dem 1. März 1902 … Die jährlich zu zahlende Pachtsumme beträgt 1200 Mark …“
  • „Die Gemeinde Stiepel verpachtet dem Wirth Heinr. Haarmann-Thiemann die ihr zustehende Berechtigung zur Erhebung des Chausseegeldes auf der von Stiepel-Dorf nach Steinenhaus führenden Communal-Chaussee auf die Dauer von 1 Jahr, beginnend mit dem 1. März 1902 … Die jährlich zu zahlende Pachtsumme beträgt 280 Mark …“

Die zu kassierenden Tarife waren durch ministeriellen Erlass vom 29. Februar 1840 geregelt. Das Chausseegeld wurde bis zum Jahr 1908 erhoben, im Zusammenhang mit dem Übergang der Chaussee auf den Kreis Hattingen wurde es wieder abgeschafft.

Chausseegelderhebungsstelle I (Haar), Foto: Archiv W. Dickten

Chausseegelderhebungsstelle I (Haar), Foto: Archiv W. Dickten

Chausseegelderhebungsstelle II (Dorf), Foto: Archiv W. Dickten

Chausseegelderhebungsstelle II (Dorf), Foto: Archiv W. Dickten

Sonstiges aus der Geschichte der Straße

Da die neue Chaussee nach Fertigstellung im Jahr 1893 als überörtliche Durchgangs- bzw. Verbindungsstraße anzusehen war, bestand sowohl auf Seiten der Gemeinde Stiepel als auch des Kreises Hattingen das Interesse, die Zuständigkeit und den Unterhalt auf den Kreis Hattingen zu übertragen. Hierzu hat der Kreistag des Kreises Hattingen am 18. Juli 1906 Folgendes vorgeschlagen:

„Der Kreis übernimmt die Unterhaltung derjenigen Chausseen und sonstigen, dem Durchgangsverkehr dienenden Wege, welche den … Anforderungen entsprechen und sodann … auf den Kreis übernommen sind, mit der Massgabe, dass seitens der beteiligten Gemeinden ein Zuschuss in Höhe der Hälfte der vom Kreise aufzuwendenden Unterhaltungskosten an diesen zu zahlen ist. … mit der Uebernahme der Chausseen und Wege auf den Kreis verzichten die in Betracht kommenden Gemeinden auf die Chausseegeld-Erhebung und verpflichten sich zur Lösung der Pachtverträge“

Bevor es zu der Übernahme kam, wurde die Chaussee besichtigt, anschließend wurde durch die „Kreiswegebau-Commission“ festgestellt:

„Eine neue Decke ist erforderlich von der Ruhr bis Frische und von der abgebrannten´Schule bis zur Grenze. Die Gräben und Banketts sind zu reinigen. Im Uebrigen hat der Weg hinlängliche Breite und ist gut ausgebaut.“

Die genannte (im Jahr 1904) abgebrannte Schule stand genau an der Stelle, an der im Jahr 1910 das neue Gemeindehaus an der Ecke Kosterstraße / Haarstraße errichtet wurde. Somit musste die Gemeinde Stiepel zunächst fast die komplette Straßendecke erneuern, und das bereits rund 15 Jahre nach Fertigstellung der Straße. Für die Strecke von Frische bis zur Ruhr wurden 1.400 cbm von „gutem Sandstein-Kleinschlag“ öffentlich ausgeschrieben. Ferner für die Strecke von der Grenze Weitmar bis zum Wasserbehälter an der Ecke Kosterstraße 1.200 cbm „Hochofenschlacken-Kleinschlag“.

Ausschreibung vom 15. April 1908: „… die Lieferung von 1400 cbm gutem Sandstein-Kleinschlag.“

Ausschreibung vom 15. April 1908: „… die Lieferung von 1400 cbm gutem Sandstein-Kleinschlag.“

Dieser damals übliche Straßenbelag hat der Bevölkerung durch Staubentwicklung bei Trockenheit arg zu schaffen gemacht. Erst im Jahr 1929 Jahren wurde ein Sprengwagen angeschafft, der die Straße  bei Trockenheit benässte. Sogar ein Sonntagsfahrverbot wurde vorher diskutiert. Interessant ist ein Protestbrief aller Anwohner der heutigen Kemnader Straße an die Gemeindevertretung vom 8. April 1924, in dem diese sich über die unerträgliche Staubbelastung beschweren. Dort heißt es: „Im vorigen Jahr ist von der Sozialdemokratischen Fraktion … der Antrag gemacht worden die Beschaffung eines Schprengwagens welches aber leider abgelehnt worden ist, mit der Begründung wegen der hohen Kosten. Würden die Herren der Gemeindevertretung auch an der Hauptstraße wohnen und kein Zimmer lüften können bei diesem starken Autoverkehr, würden Sie diesen begründeten Antrag nicht abgelehnt haben. Wir Unterzeichneten der Hauptstraße stellen nunmehr noch einmal den Antrag aus Gesundheitsrücksicht an die Vertretung und bitten diesem doch jetzt statt zu geben“

Der Stiepeler „Motorwagen mit Sprengvorrichtung“ auf der Kreuzung der heutigen Kemnader Straße und Kosterstraße

Der Stiepeler „Motorwagen mit Sprengvorrichtung“ auf der Kreuzung der heutigen Kemnader Straße und Kosterstraße

Die Vergabe von Straßennamen in Stiepel wurde im November 1908 beschlossen, bis zur Umsetzung dauerte es dann noch ein Jahr. Die bis zu diesem Zeitpunkt immer als „Chaussee von Karl Friedrich nach Steinenhaus“ bezeichnete Straße erhielt die Namen „Hauptstraße“ für die Strecke von der Ortsgrenze Weitmar bis Haus Frische und von dort bis zur Ruhr den Namen „Ruhrstraße“. Im Zuge der Eingemeindung von Stiepel nach Bochum im Jahr 1929 musste die Straße umbenannt werden. Da ein Jahr vorher, im Juni 1928, die „Kemnader Brücke“ eingeweiht wurde und die Straße damit endlich ohne die Benutzung der Fähre über die Ruhr und an Haus Kemnade vorbei führte, liegt die Vermutung nahe, dass aus diesem Grund die Bezeichnung „Kemnader Straße“ gewählt wurde.